Warum ein Aktionsprogramm?

Die Bedeutung der Schutzfunktion der österreichischen Wälder wird seit Jahrzehnten hervorgehoben. Aufgrund von neuen Herausforderungen wie dem Klimawandel, dem niedrigen Holzpreis sowie gewachsenen gesellschaftlichen Ansprüchen beauftragte Bundesministerin Elisabeth Köstinger 2018 ein umsetzungsorientiertes Aktionsprogramm Schutzwald. Es baut auf bisherigen Erkenntnissen auf und gibt die Schritte für den Schutzwald der nächsten Jahre vor.

Die Schutzfunktion des Waldes spielt in Österreich, vor allem in den alpinen Gebieten, für die nachhaltige Sicherung des Siedlungs- und Wirtschaftsraums sowie der Verkehrsachsen gegen Naturgefahren wie Lawinen, Steinschlag, Rutschungen und Hochwasser eine zentrale Rolle.

Gleichzeitig stellen Schutzwälder heute multifunktional genutzte Flächen dar, als natürlicher Lebensraum für Pflanzen und Tiere, als forstwirtschaftlich genutztes Gebiet, als Freizeit und Erholungsraum oder als Schutzgebiet für Wasser, Luft, Boden und andere natürliche Ressourcen. In manchen Regionen zählt der Schutzwald auch zum kulturellen Erbe des Landes, beispielsweise in Hallstatt oder in der Wachau.

Laut Waldentwicklungsplan haben in Österreich 1,25 Millionen Hektar (ha) Wald primäre Schutzfunktion. Das sind rund 30 Prozent der insgesamt 4 Millionen ha Waldfläche und entspricht dem gesamten Siedlungsgebiet Österreichs. Wald schützt uns umfassend – fast jede vierte Österreicherin und jeder vierte Österreicher profitiert vom Schutzwald als grüne, kostengünstige und nachhaltig wirkende Schutzinfrastruktur.

Der Erhalt und die Verbesserung der Schutzfunktion der Wälder sind deshalb eine zentrale Aufgabe der österreichischen Forstpolitik.

Auf den ersten Blick verfügt Österreich über eine ausgezeichnete Waldausstattung, auch die Schutzwälder sind – im Vergleich zu vergangenen Jahrhunderten, wie beispielsweise in der Bergbau- und Eisenhüttenzeit – ausreichend vorhanden. Allerdings zeigen sich bei genauerem Hinsehen zunehmende Stress- und Risikofaktoren, die vor allem auf die steigenden Einflüsse des gesellschaftlichen und klimatischen Wandels zurückzuführen sind. Aufgrund des aktuellen Befundes besteht aus heutiger Sicht dringender Handlungsbedarf, wenn die Schutzfunktion der Objekt- und Standortschutzwälder nachhaltig gesichert werden soll. Nachfolgend sind einige Herausforderungsaspekte zum Thema gelistet:

  • Strukturelle Überalterung: 34 Prozent der Schutzwaldflächen sind laut der Österreichischen Waldinventur  (ÖWI) in der Terminal- oder Zerfallsphase, auf rund 300.000 ha Fläche besteht akuter Handlungsbedarf für Pflege- und Verjüngungsmaßnahmen.
    Handlungsbedarf: Intensivierung der Schutzwaldbewirtschaftung und Verjüngungsmaßnahmen entsprechend der Wirkungsziele.
  • Erhöhte gesellschaftliche Nutzungsansprüche: Die Menschen in unserem Land nutzen zunehmend die Natur für ihre Freizeitaktivitäten. Im Jahr 2019 waren zum Beispiel über 700.000 Schitourengeherinnen und Schitourengeher unterwegs und es wurden über 100.000 Mountainbikes verkauft.
    Handlungsbedarf: Multifunktionale Nutzung der Schutzwälder setzt voraus, dass es eine Lenkung der Freizeitnutzung sowie ein respektvolles Miteinander zwischen alpiner Forstwirtschaft, Umweltschutz, Jagd, Freizeit und Tourismus gibt.

  • Hoher Wildeinfluss: Die schädigende Wirkung eines hohen Wildeinflusses für den Schutzwald  durch Verbiss und Schälschäden, insbesondere für seine nachhaltige Verjüngung, steht außer Streit und stellt in manchen Regionen Österreichs ein akutes Problem dar.
    Handlungsbedarf: Gefordert sind abgestimmte Konzepte des Wildtiermanagements und der Jagdwirtschaft, die sich an der Resilienz und Tragfähigkeit der Schutzwälder orientiert und andere Waldnutzungen einbezieht.

  • Klimarisiken: Der Klimawandel und damit vermehrt auftretende Extremwettereignisse wie Dürre, Starkregen, Waldbrand, Lawinen, Schneedruck und Stürme belasten den Schutzwald in seiner Funktionalität. Extremereignisse führen immer häufiger zur flächenhaften Zerstörung der Schutzwälder. Im Jahr 2018 zerstörte der Sturm Vaia zum Beispiel 4.300 ha Schutzwald in Kärnten und Osttirol.
    Handlungsbedarf: Es sind neue Konzepte zur Erhöhung der Resilienz der Schutzwälder sowie deren Regenerationsfähigkeit unter geänderten klimatischen Bedingungen erforderlich, ebenso bedarf es technischer Maßnahmen zur raschen Substitution der Schutzwirkung bei Verlust der Schutzwälder.

  • Schutzwaldbewirtschaftung: Die Bewirtschaftung der Schutzwälder wird für Waldeigentümerinnen und Waldeigentümer zunehmend unwirtschaftlich. Der Holzpreis stagniert, auch wegen dem hohen Schadholzanteil vergangener Jahre.
    Handlungsbedarf: Das Wirtschaften und die Pflege im Schutzwald müssen sich für Waldeigentümer wieder lohnen. Neue Formen der Finanzierung und Kooperation sind gefragt.

Der Handlungsbedarf für den Schutzwald bildet sich bereits in der österreichischen Waldstrategie 2020+ ab. Handlungsfeld 5 befasst sich speziell mit der „Schutzfunktion der Österreichischen Wälder“. Anlass für die unmittelbare Erstellung des Aktionsprogramms Schutzwald im Jahr 2019 waren die in verschiedenen Studien und Prüfberichten, u.a. vom Rechnungshof, festgestellten Defizite und Risiken sowie die Folgen der jüngsten Extremereignisse.

Im Auftrag von Bundesministerin Elisabeth Köstinger wurde das Aktionsprogramm Schutzwald von Expertinnen und Experten aus dem BMLRT, den Landesforstdiensten, der Wildbach- und Lawinenverbauung, der Wissenschaft, der Forschung, den Waldeigentümern, der Jagd, dem Umwelt- und Naturschutz, dem Tourismus und anderen Stakeholdern erarbeitet.

Das Aktionsprogramm wurde am 22. Mai 2019 im Ministerrat beschlossen. Es umfasst 10 Leuchtturmprojekte in 4 Zielkorridoren und insgesamt 35 Meilensteine, die entsprechend des aktuellen Regierungsprogramms bis zum Jahr 2024 vollständig umgesetzt werden sollen.

Veröffentlicht am 13.03.2020, Wildbach- und Lawinenverbauung und Schutzwaldpolitik (Abteilung III/4)